Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Daher handelt der Heilige Geist, der durch den Papst wirkt, uns gegenüber gut, wenn er in seinen Erlassen immer den Fall des Todes und der höchsten Not ausnimmt." (9. These)

Panorama

doppellausstellung hier stehe ich

Zur Vorgeschichte: Am 01.12. 2016 hat der sogenannte Reformations-Truck in Goslar Station gemacht. Aufgrund der außergewöhnlichen Bibliothek humanistisch-reformatorischen Inhalts, die seit 1535 im Besitz der Marktkirchengemeinde ist, ist Goslar als eine von 68 Stationen auf dem „Europäischen Stationenweg“ ausgewählt worden. Ziel der Rundreise des Ausstellungs-LKWs war es, die Ausbreitung der Reformation während des 16. Jahrhunderts, aber auch die Aktualität bestimmter durch die Reformation angestoßener Themen der Öffentlichkeit nahe zu bringen. Seither darf Goslar sich „Reformationsstadt Europas“ nennen. Zusätzlich ist Goslar aufgrund des erwähnten bibliophilen Schatzes „Korrespondenzstandort“ für die im Mai 2017 beginnende Braunschweiger Ausstellung „Im Aufbruch“. Diese beiden Anknüpfungspunkte bilden den Hintergrund des Ausstellungsprojektes, dass wir für die Marktkirche „St. Cosmas und Damian zum Markte“ planen.

Die Marktkirchenbibliothek ist aufgrund der ca. 1500 Inkunabeln bzw. Büchern aus dem frühen 16. Jahrhundert interessant, zu denen einige Exemplare von höchstem Wert zählen, so zum Beispiel das „Erfurter Ferbefass-Enchiridion“, das einzige erhaltene Exemplar des frühesten Gemeindegesangsbuches der Welt, ein Exemplar von Luthers September-Testament, sowie einige Schriften mit handschriftlichen Eintragungen von Philipp Melanchthon. Mindestens ebenso sehr trägt zu dem Wert der Bibliothek der Umstand bei, dass sie im Jahre 1535 geschlossen aus Halberstadt nach Goslar kam. Der Halberstädter Notar und Kleriker Andreas Gronewalt hat seinerzeit seine Bücher offenbar in Sicherheit bringen wollen, nachdem frühe reformatorische Bemühungen dort gescheitert waren. Goslar wählte er als Asyl für seine Bücher aufgrund seiner Freundschaft mit dem Goslarer Superintendenten Eberhard Weidensee aus, der bis 1523 in Halberstadt tätig war und wegen seiner Anhängerschaft zur Reformation die Stadt verlassen musste. Intensive Provenienzforschung an und mit den Büchern Gronewalts durch den Reformationsexperten Prof. Ulrich Bubenheimer macht es möglich, einen ungewöhnlichen Zugang zu einer Facette der Reformationsgeschichte zu verfolgen, nämlich ein Stück biografisch orientierter Geschichtsschreibung. Dabei stehen die beiden Männer im Mittelpunkt, die dafür verantwortlich sind, dass die Bücher nach Goslar kamen. Eberhard Weidensee kann als Reformator bezeichnet werden mit einem hohen Maß an Risikobereitschaft, die z.B. an seiner Verhaftung und Flucht in bzw. aus Halberstadt ablesbar ist. Gronewalt selbst wählte eher den Weg der inneren Emigration. Denn er war in Halberstadt als Kleriker und Notar tätig und in letzterer Eigenschaft stand er in den Diensten von Kardinal Albrecht von Brandenburg, der bekanntlich einer der ärgsten Widersacher Luthers war. Obgleich sich an seinen Büchern und manchen handschriftlichen Kommentierungen in ihnen zeigen lässt, dass Gronewalt sich Stück um Stück den reformatorischen Einsichten öffnete, hat er dies nach außen hin offensichtlich zu verbergen versucht, um sich nicht die Existenzgrundlage zu entziehen. Pikanterweise hat er einen Ablass notariell beglaubigt, den Kardinal Albrecht von Rom genehmigt bekam, nachdem der „Peters-Ablass“, der die Reformation auslöste, aufgrund der Intervention Luthers gescheitert war. Aber auch mit diesem bekannten, von Tetzel vertriebenen Ablass war Gronewalt verbunden. Prof. Bubenheimer fand kürzlich in zwei Büchern der Marktkirchenbibliothek Fragmente eines Plakates, das für eben diesen Ablass warb. Stücke des Plakats, das zu Altpapier geworden war, waren als Makulatur in die Buchdeckel eingeklebt worden.

Die Auseinandersetzung mit Weidensee und Gronewalt ermöglicht es, ein Grundanliegen der Reformation bzw. Luthers näher zu beleuchten. Die von Luther behauptete Unmittelbarkeit der Gläubigen vor Gott und die Ausschaltung der Kirche als autoritativer Instanz ließ die Bindung an das Gewissen in den Vordergrund treten. Sowohl Luthers berühmter paradoxer Satz aus seiner Freiheitsschrift, demzufolge Christen niemandem und zugleich jedermann untertan seien, als auch die Verweigerung des Widerrufs seiner Schriften beim Wormser Reichstag, sind prominente Beispiele der Idee der Gewissensfreiheit, die die europäische Geschichte maßgeblich mitgeprägt hat. Schon durch die Teilnahme am Europäischen Stationenweg galt es, Spuren, die die Reformation gelegt hat, durch die Geschichte zu verfolgen und zu prüfen, inwieweit sie heute noch erkennbar sind. Daher erfolgt die Präsentation der Bibliothek und der beiden mit ihr verbundenen Protagonisten Gronewalt und Weidensee unter dem thematischen Aspekt der Gewissensfreiheit bzw. Gewissensbindung.

Vor etwa einem Jahr traten wir an Prof. Kummer von der HBK Braunschweig heran und baten ihn, sich mit seinen Studenten und Studentinnen an der geplanten Ausstellung zu beteiligen. Der Luther zugeschriebene Satz „Hier stehe ich und kann nicht anders“ dient dabei als Leitmotiv. Allerdings ging und geht es uns dabei nicht um eine künstlerische Illustrierung des reformatorischen Anliegens, sondern um etwas Dialogisches. Wir baten die Studierenden, sich dem Satz assoziativ zu nähern. Er kann auf diese Weise ebenso gut für ein aktuelles existenzielles Anliegen stehen, wie für eine Auseinandersetzung mit dem historischen Befund. Mittlerweile sind in einem mehrstufigen Prozess unter Leitung von Prof. Kummer einige künstlerische Objekte ausgewählt worden, die auf sehr unterschiedliche Weise auf den erwähnten Satz Bezug nehmen. Sie können sicher ein wichtiger Beitrag sein, um die Welt des 16. Jahrhunderts bzw. Luthers mit unserer heutigen Lebenssituation ins Gespräch zu bringen.

Die Ausstellung wird finanziell unterstützt durch den Stiftsgüterfonds Goslar, die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und die Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig. Veranstalter sind die Propstei Goslar und die Marktgemeinde St. Cosmas und Damian.

Thomas Gunkel, Propst in Goslar