Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Man soll die Christen lehren: Die, die nicht im Überfluß leben, sollen das Lebensnotwendige für ihr Hauswesen behalten und keinesfalls für den Ablaß verschwenden." (46. These)

Panorama

Andreas Osiander„Niemals, Martinus, werde ich dem zustimmen, was Du über die Juden gesagt und geschrieben hast“

Schon sehr früh nach der Verbreitung von Luthers 95 Thesen wird Andreas Osiander auf Luthers Lehre aufmerksam. Und dies ausgerechnet durch die Streitschriften von Luthers mächtigstem Gegner, dem Ingolstädter Professor Johannes Eck, dessen Schüler Osiander war. Mit der ihm eigenen Leidenschaftlichkeit griff er die neuen Ideen auf und wurde (auch mit Hilfe von Albrecht Dürer und dem Meistersinger Hans Sachs) zu dem wichtigsten Reformator in Nürnberg. Jedoch war er keineswegs in allem mit Luther einig. Gegen Luthers und Melanchtons Widerstand setzte er durch, dass in Nürnberg Nikolaus Kopernikus' Hauptwerk „De Revolutionibus Orbium Coelestium“ erscheinen konnte, in dem beschrieben wird, dass die Erde und die anderen Planeten um die Sonne kreisen. Die größte Differenz zwischen ihm und Luther bestand in ihrer Einstellung zu den Juden. Dies Thema beschäftigte Osiander noch nach Luthers Tod im Jahre 1546:

Wie schade, trotz allem verehrter Martinus, dass ich vor Deinem Tod nicht mehr mit Dir disputieren konnte. Dabei hattest Du mir noch eine Brücke gebaut, als Du im letzten Jahr in Deinem Brief so liebevoll auf den Tod meiner Frau Helene und unseres Töchterchens eingegangen bist. Du wusstest ja nach dem Tod Deines Lenchen nur allzu gut, welchen Schmerz ein solcher Verlust uns zufügt.

Ich hätte gern mit Dir noch über Deine Ausführungen zu den „Jüden und ihren Lügen“ disputiert. Ausführungen? Was sage ich?! Anwürfe, schlimmste und ungerechtfertigte Kränkungen des erwählten Volkes waren das, die ich niemals billigen kann.

Dabei fing es doch so gut an. Wie stolz war ich, dass ich Deine Lehren schon 1524 zum „Nürnberger Ratschlag“ zusammenfassen durfte! Auch mit Deiner harten Stellungnahme gegen die Bauern und gegen die Schwarmgeister, Bilderstürmer und Wiedertäufer war ich durchaus einverstanden.

Doch niemals werde ich dem zustimmen, was Du über die Juden gesagt und geschrieben hast. Ich kann von mir wohl behaupten, dass ich die hebräische Sprache, die Schriften und die Mystik der Juden wie kaum ein anderer kenne. Deshalb habe ich mich immer für einen echten Dialog mit den Juden und für ihre Rechte eingesetzt.

Auch Du hast ja zunächst versucht, ihnen gerecht zu werden – gegen den Strom einer Zeit, in der man ihnen den „Gottesmord“, Ritualmorde, Hostienfrevel und Brunnenvergiftungen vorwarf. Du hast energisch für Johannes Reuchlin Stellung genommen, der sich gegen die Verbrennung des Talmud gewandt hatte und deshalb der Ketzerei angeklagt wurde. In Deinen ersten Jahren hast Du die in der Passionszeit üblichen antijüdischen Hetzpredigten gegen die Juden unnachsichtig verworfen. Und in Deinem „Lobgesang der heiligen Jungfrau Maria“, dem Magnificat, hast Du 1521 – ganz im Einklang mit dem heiligen Paulus – zwar geschrieben, die Juden seien verstockt, weil sie das Heilsangebot durch Christus nicht angenommen hätten. Gleichwohl hast Du verlangt, dass man sie freundlich behandele – sie, die doch Jesu Blutsverwandte seien, die Gott vor allen Völkern ausgezeichnet und mit der Bibel betraut habe. „Man sage ihnen gütlich die Wahrheit. Wollen sie nicht, so lasst sie fahren“ – so hast Du geschrieben. Und sie gewaltsam zu missionieren, hast Du entschieden abgelehnt.

Besonders wichtig war damals für die wenigen, die sich für die Juden einsetzten, Deine Schrift aus dem Jahre 1523 „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“. Deine Hoffnung, dass Du damit „vielleicht auch etliche Juden zum Christenglauben reizen“ könntest, hat sich freilich nicht erfüllt.

War das der Grund, weshalb bei Dir immer wieder Unverständnis, ja sogar Hass gegen die Juden durchbrach? Schon in den frühen Vorlesungen: Gott habe sein Volk „ausgespien“; als Strafe für Jesu Kreuzigung habe es den Tempel verloren und sei zerstreut worden. Aber es habe sich nicht gebessert; die Bibelauslegung im Talmud enthalte lauter Lügen. Könnten die Juden tun, was sie wollten, so hast Du behauptet, dann würden sie alle Christen um Leben und Besitz bringen. Später hast Du gefordert die Juden aus Mähren zu vertreiben, weil sie schon viele Christen beschnitten und zu dem jüdischen Glauben bekehrt hätten.

Am schlimmsten aber hast Du es in Deiner Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“, getrieben, die Du wenige Jahre vor Deinem Tod verfasst hast. Nun wolltest Du die Juden nicht mehr bekehren, weil dies so unmöglich sei wie beim Teufel. Sie seien blutdurstig und geldgierig, ja leibhaftige Teufel. Wenn sie etwas Gutes täten, dann nicht aus Liebe, sondern aus Eigennutz. Sie ließen uns Christen arbeiten, dieweil sie hinterm Ofen säßen, faulenzten, fräßen und söffen und wohl von unserm erarbeiteten Gut lebten. Deshalb solle man ihre Synagogen niederbrennen, ihre Häuser zerstören, ihnen ihre Gebetbücher und Talmudschriften wegnehmen, ihren Rabbinern das Lehren bei Androhung der Todesstrafe verbieten. Man solle ihren Händlern das freie Geleit und Wegerecht entziehen, ihnen die Geldgeschäfte verbieten und all ihr Bargeld und ihren Schmuck einziehen. Am Ende versteigst Du Dich zu der Bemerkung, wiewohl Du die Juden gern eigenhändig erwürgen würdest, sei es Christen (leider?) verboten, sie zu verfluchen und persönlich anzugreifen.

O mein Martinus, was ist nur der Grund für diese entsetzliche Entwicklung Deiner Lehre – wenn überhaupt man dies noch als Lehre bezeichnen mag?

Theologische Gründe allein können es doch nicht sein!? Gewiss sind wir allein durch Glauben (und nicht durch Taten) gerechtfertigt. Aber dass das Judentum eine reine „Gesetzesreligion“ sei, ist doch nur die halbe Wahrheit. Wie konntest Du, der die Schriften Pauli kannte wie nur wenige Menschen, übersehen, was er im Brief an die Gemeinde in Rom schreibt, besonders in den Kapiteln 9 bis 11. Da höre ich einen ganz anderen Ton als bei Dir: „Meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie (die Juden), dass sie gerettet werden“. Und: „So frage ich nun: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne.“ Und alle drei Kapitel sind getragen von Pauli Überzeugung: „So wird ganz Israel gerettet werden“.

Wie konntest Du, großer und gelehrter Martinus, das alles vergessen?

War es die Enttäuschung darüber, dass die Juden sich Deinem hartnäckigen Werben für Christus entzogen? War es das fehlgeschlagene Streitgespräch mit zwei Rabbinern, die Du 1525 überzeugen wolltest, dass Jesus der Messias sei. War es gar – wie Du in einem Brief an Nikolaus von Amsdorf geschrieben haben sollst – die Vermutung, dass ein jüdischer Arzt Dich durch Gift umbringen wollte? Oder hast Du Dich etwa nur der Stimmung in unserem wüsten Saeculum anbequemt?

Was Dich dazu trieb, werden wir wohl nie verstehen. Aber es verdunkelt das Bild, das wir von Dir haben. Und es wird – so fürchte ich – noch fatale Wirkungen in den Zeiten und Generationen haben, die nach uns kommen.

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