Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Wenn daher der Ablaß dem Geiste und der Auffassung des Papstes gemäß gepredigt würde, lösten sich diese (Einwände) alle ohne weiteres auf, ja es gäbe sie überhaupt nicht." (91. These)

Panorama

Katharina von Bora

„Liebe auf den ersten Blick war es nicht“

Luther war nicht nur Theologe und Reformator. Er war auch Mann, Ehemann, Vater, Haushaltsvorstand. Katharina von Bora, seine Frau, die „Lutherin“, erinnert sich an die schweren und schönen Jahre:

Dass es gerade Liebe war, als ich ihn heiratete, kann ich nicht sagen. Eigentlich wollte ich Hyronimus Baumgarten heiraten. Aber seine Eltern wollte keine entlaufene Nonne. Ach, Verzeihung, ihr Leute wisst ja gar nicht Bescheid, wie das alles kam. Ja, an der Wiege gesungen war es mir nicht, die Frau des berühmten und berüchtigten Doktor Martinus Luther zu werden. Mit sechs Jahren musste ich in die Klosterschule. Mit 16 legte ich das Gelübde ab, um auf mein irdisches Leben zu verzichten. Als ich knapp 20 war, durchzog eine Unruhe das ganze Land. Von der Freiheit eines Christenmenschen war die Rede.

Bis in unser stilles Kloster drang die Nachricht:

Ein junger Mönch hatte Thesen gegen den Papst veröffentlicht. Der Inhalt wurde uns bald bekannt. Und ihr könnt euch denken, dass das Kloster von einen tiefen Unruhe erfasst wurde. „Der Antichrist“, der „Leibhaftige“ riefen die einen; aber leise flüsternd hofften die anderen, dass etwas neu werden würde in unserer Kirche. Das hofften auch wir, acht junge Schwestern und ich. Immer mehr gerieten wir in inneren Widerspruch zu unserem Gelübde. Schließlich schrieben wir an Luther um Hilfe. Und was wir kaum zu hoffen gewagt hatten, das geschah: Er schickte den Kaufmann Koppe, der uns auf einer Fuhre voller Heringsfässer aus dem Kloster schmuggelte und nach Wittenberg brachte. Das war im April 1523.

Zwei Jahre später heirateten Martin und ich. Was ihr so Liebe auf den ersten Blick nennt, war das nicht. Aber von Anfang an achteten, ja bewunderten wir uns. Und in den zwanzig Jahren, die unsere Ehe nun währt, wurde daraus eine tiefe und innige Liebe. Glaubt nur nicht, dass es einfach war mit ihm. Ja, ja, große Männer … Ich dachte, ich kriege ein kräftiges Mannsbild, das mich beschützen kann. Statt dessen habe ich ihn Zeit seines Lebens umsorgen müssen, nicht immer konnte ich ihm mit meinen Kräutern Linderung verschaffen. Gerade in den letzten Jahren ist es schlimm geworden. Dass ihm nur nichts zustößt auf seiner Fahrt nach Eisleben. Genug Anfeindungen hatten wir auszustehen in Wittenberg, das kann ich Ihnen sagen: Ein Mönch und eine Nonne! „Unzucht“ nannten das die Leute. Und manche wollten mich, die Kräuterhexe, verbrennen.
Martin war nicht eben ein geschickter Handwerker. So musste ich dafür sorgen, dass das Dach geflickt, die Türen und Fenster hergerichtet wurden und dass der Brunnen wieder Wasser gab. Martin, der Theolog, hielt das alles nicht für so wichtig. Eine Kuh, zwei Schweine, Hühner habe ich gekauft, und weiße Farbe für das Kloster.

Sechs Kinder habe ich ihm geschenkt. Und immer hatten wir Gäste an unserem großen Tisch: Studenten und wandernde Scholaren, Kollegen und Ratsuchende, entlaufene Nonnen und Mönche, Waisenkinder und Flüchtlinge. Zwanzig Mäuler zu stopfen, das habe ich bald gelernt. Viel Arbeit war das. Weil ich schon früh morgens auf den Beinen war und alles richten musste, hat mich Martin seinen „Morgenstern von Wittenberg“ genannt. Aber auch „Herr Käthe“, nannte er mich bisweilen – denn im Haushalt ging es nach meiner Pfeife, und ab und zu konnte ich ihn sogar bewegen, im Garten zu arbeiten. Manchmal kann ich nur milde über ihn lächeln: Kürzlich sagte er doch tatsächlich: Eine Frau hat häuslich zu sein, das zeigt ihre Beschaffenheit an; Frauen haben nämlich einen breiten Podex und weite Hüften, dass sie sollen stille sitzen. Nun ja …

Jetzt ist er schon wieder unterwegs nach Eisleben, um den ewigen Streit der Grafen von Mansfeld zu schlichten. Blass und schwach war er, als er in die Kutsche stieg. Gut, dass die Söhne bei ihm sind. Ja, unsere Kinder. Wie liebt er sie! Wie traurig war er nach dem Tod unserer kleinen Elisabeth. Und wie untröstlich er schluchzte, als vor zwei Jahren Lenchen starb. Doch selbst unsäglich traurig, tröstet er mich – und im selben Atemzug denkt er an die Papisten.
Ja, so ist er.

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