Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Wenn überhaupt irgendwem irgendein Erlaß aller Strafen gewährt werden kann, dann gewiß allein den Vollkommensten, das heißt aber, ganz wenigen" (23. These)

Panorama

Johann von Staupitz

„Wie kriege ich einen gnädigen Gott?, das war die Frage die Martinus umtrieb …“

Luther ging ins Kloster. Zu den Augustinern. Hier kommt es – nach Jahren – zu der entscheidenden Wende in seinem Leben. Johannes von Staupitz, Generalbevollmächtigter der Augustiner, der Seelsorger, Freund, Berater erinnert sich an diese dramatische Zeit:

Sie fragen mich nach Bruder Martinus? Nun, mein Freund, wie soll ich ihn in kargen Worten beschreiben? Kaum einen meiner Brüder kannte ich so gut wie ihn. Ganz verstört kam er damals zu uns. Irgend etwas trieb ihn. Er hatte sein vielversprechendes Studium, das ihm Erfolg und Ansehen versprach, abgebrochen. Ein Feuerkopf war Martinus – selbst in seiner Verzweiflung. Was ihn zu uns getrieben hat? So recht erfahren haben wir es nie. Das Gelübde in jenem Gewitter bei Stotternheim? Nun, das scheint mir zu vordergründig. Er sagte später einmal, er habe sich Gott völlig übereignen wollen, um sich vor dem Satan in Sicherheit zu bringen.

Er litt Gewissens- und Höllenqualen in seiner Zelle. „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ fragte er mich, ja: schrie er mich an. Dabei machte ihm das Klosterleben keinerlei Pein. Selten fanden wir einen eifrigeren Novizen. Die kleine Zelle, zweieinhalb Meter im Geviert, die Pritsche, Strohsack, Schemel, Tisch und Wasserkrug – was manchen dieser gebildeten jungen Herren beschwerlich war, ihm war es das nicht. Kehren und ausfegen, über Land gehen und um Almosen bitten, das alles tat er gern. Schon nach einem Jahr legte er die Gelübde ab.

Ob er gleich anfing, die Bibel zu übersetzen? O nein, lieber junger Freund. Er kannte sie ja kaum. In Erfurt hatte er ein wenig davon gehört und gelernt. Aber nun lernte er sie kennen, nein: er bohrte sich in sie hinein. Aber – merkwürdig genug – nur den strengen, den zornigen Gott fand er in der Bibel. Wie oft haben wir darüber gesprochen!
„Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“, diese Frage trieb ihn bis zur Verzweiflung. Und in der Schrift fand er nur die Stellen, die diese Verzweiflung verstärkten: Wohin soll ich gehen vor deinem Geist? Und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? zitierte er den Psalm.

Ob er mit Gott oder mit Satan kämpfte, war kaum zu unterscheiden. Er legte sich zusätzlich Pflichten auf, schlief auf dem Steinfußboden, durchwachte die Nächte im Gebet, fastete noch mehr, war nur noch Haut und Knochen. Als wollte er sich den gnädigen Gott erzwingen. O, welcher Hochmut in der Demut! Unerbittlich fahndete er nach seinen Sünden. Und er beichtete immer öfter. Doch schenkte ihm die Lossprechung keine Erleichterung. Im Gegenteil: Je mehr er sich schuldig fühlte, desto mehr zweifelte er an der Güte Gottes.

Die eine Frage ließ ihn nicht los: „Was kann ich tun, damit Gott mich annimmt?“ Immer mehr fühlte er eine tiefe Kluft zwischen sich und Gott, zwischen dem unvollkommenen Menschen und dem allmächtigen Gott. Und wenn ich ihn mahnte: Du musst den Mann ins Auge fassen, der Christus heißt, schien er es kaum aufzunehmen.

Da...o, mein Freund, mir stockt noch jetzt die Stimme vor Freude, wenn ich daran denke – da stößt er in dem Briefe Pauli an die Römer auf jene Sätze, die alles ändern. Er begreift, dass die Gerechtigkeit vor Gott durch den Glauben an Jesus Christus kommt, zu allen, dass der Gerechte aus Glauben leben wird. Gott sucht den verlorenen Menschen. Und in Christus begegnet er, Martinus, dem gnädigen Gott.

Sola gratia – allein durch Gnade. Hiermit ist ihm, wie er später gesagt hat, die Tür zum Paradies aufgegangen. Und ich freue mich. Ich freue mich unendlich, dass er nun weiß, dass Gott ihn liebt, dass er angenommen ist.

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