Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Offenbar haben die Seelen im Fegefeuer die Mehrung der Liebe genauso nötig wie eine Minderung des Grauens." (17. These)

Panorama

Wir sind auf dem Weg in das Jahr 2017. Noch zwei Jahre also, dann feiert die Evangelische Kirche in Deutschland das sog. „Reformationsjubiläum“. Dann wird es genau 500 Jahre her sein, dass der Wittenberger Mönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen den sogenannten Ablasshandel veröffentlichte. Der Legende nach soll er sie an die Türen der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben. In Vorbereitung auf dieses Jubiläumsjahr 2017, stellt die Evangelische Kirche in Deutschland seit 2008 jedes Jahr unter ein bestimmtes Thema. Für das Jahr 2015 lautet dieses Thema „Reformation und Bild“. Es geht also um den Umgang der Reformatoren mit den Bildern bzw. der Kunst.

Auf den ersten Blick ist das ein spannungsvolles Verhältnis. Bilder scheinen besser in katholische Kirchen zu passen als in evangelische. Ein Blick in die eigene evangelische Ortskirche wird das in der Regel bestätigen. Zumindest im Vergleich zu vielen katholischen Kirchen sind sie oft schlicht.
Die Wände des Innenraums sind meist in einer Farbe bemalt und bilderlos, insgesamt gibt es wenig Schmuck. Und der Altar ist meistens der bilderreichste Gegenstand im ganzen Kirchenraum. Zwar sprach Martin Luther sich damals gegen die Bilderstürmerei aus, die bewusste Zerstörung von Bildern und Skulpturen in den Kirchen. Aber andere Vertreter der Reformation befürworteten so etwas, zum Beispiel Luthers Kollege Karlstadt.

Wer nun die Zehn Gebote in der Bibel nachliest, findet da das sogenannte Bilderverbot, also die Forderung, sich von Gott kein Bild zu machen: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“. (2.Mose 20,4+5a).

Das Gebot zielt darauf, nicht irdische Dinge, die man abbilden kann, mit Gott zu verwechseln und nicht sie statt ihn anzubeten. Und doch haben diese Worte seit der Reformationszeit in der evangelischen Kirche eine gewisse Zurückhaltung gegenüber allen möglichen künstlerischen Darstellungen hervorgerufen.

Andererseits wohnt uns Menschen von je her eine Sehnsucht inne uns über das eigene Leben und den persönlichen Glauben mit anderen austauschen zu wollen. Das tun wir zunächst mit Worten, aber die Worte stellen in unseren Köpfen Bilder her. Die Verständigung über das eigene Leben bekommt Konturen und Farben.

Das erkannte auch schon die Reformation vor 500 Jahren. Zwar setzten Luther und seine Mitstreiter dass gehörte Wort stets höher als das aufgezeichnete Bild. Doch erkannten sie auch die Wirksamkeit der Bilder, nämlich als Mittel der Verkündigung. Solange Bilder darstellten, was durch die Bibel gedeckt erschien, galten sie Luther und seinen Mitstreitern als nützlich. Die Zeit der Reformation wurde so auch zu einer Zeit der neuen Medien. Neben den Büchern, die seit Ende des 15. Jahrhunderts nicht mehr von Hand kopiert werden mussten, sondern gedruckt werden konnten, waren es Flugblätter, über die die öffentlichen Auseinandersetzungen geführt wurden. Sie beeinflussten durch bildliche Darstellungen die des Lesens unkundigen Massen.

Von Anfang an war somit neben die Kultur des Wortes auch eine Kultur des Bildes getreten. Zahlreiche zeitgenössische Künstler wie Hans Holbein oder Lukas Cranach der Ältere und Lucas Cranach der Jüngere erhielten so Zugang und Austausch mit der Reformation und ihren Ideen.
Ein kurzer Einblick in Leben und Werk Lukas Cranach des Jüngeren mag dies verdeutlichen. In der Malerwerkstatt seines Vaters erlernte er das Malerhandwerk. In dieser Frühzeit seines malerischen Schaffens, entstanden viele gemeinsame Malerwerke von Vater und Sohn, so wohl auch das Bild „Gesetz und Gnade. Die Rechtfertigung des Sünders.“ (1535). Wahrscheinlich ist es  gemeinsam von Vater und Sohn entworfen und gemalt wurden. Das Bild ist wie eine Gegenüberstellung aufgebaut.

Dekadejahr 2015 - Bild und Bibel

Der Baum in der Mitte ist dabei die Trennungslinie, die das „alte“ und das „neue“ Verstehen des Glaubens kraftvoll hervorhebt. Auf der linken Seite wird der Mensch von Angst und Zweifeln buchstäblich zu Tode getrieben. Er glaubt, Gott durch seine Werke oder ersatzweise durch den Kauf von Ablassbriefen gnädig stimmen zu müssen. Und doch kann er vor dem richtenden Gott nicht bestehen. Auf der rechten Seite wird auf den gekreuzigten Christus verwiesen. Allein im Glauben an ihn, kann der Mensch seine Ängste und Zweifel überwinden, denn Christus lädt die Sünden der Menschen auf seine Schultern. An die Stelle des richtenden, tritt ein gnädiger, mitleidender Gott. An die Stelle des Vertrauens auf die eigenen menschlichen Kräfte und das eigene Tun, tritt das Vertrauen auf Gott.

Für die Cranachs wie auch für Luther waren solche Bilder ein Sehangebot, mit dem der Glaube neu entdeckt werden konnte. Sie wussten, dass Bilder manchmal mehr als Worte bewegen. Das hat bis heute Gültigkeit. In der Anschauung von Bildern können wir auch unsere Glaubensvorstellungen bilden oder weiterbilden: Vorstellungen von unserem Leben, Vorstellungen von uns selbst, Vorstellungen von Beziehungen zu anderen Menschen, Vorstellungen von Gott. In Bildern kann zum Ausdruck kommen, was unserem eigenen Glauben wichtig ist. Nur dürfen sie nicht zu falschen Gewissheiten erstarren. Aber als Hilfsmittel lassen Bilder unseren Glauben im Gespräch bleiben oder stiften persönliche Verbindungen zu unseren Mitmenschen. Kunst kann so Gesprächsanlässe, auch über religiöse Themen, bieten. Und manchmal kann sie etwas ausdrücken, wozu unsere Worte kaum reichen.

Paul Gerhard Feilcke, Vikar in Liebenburg und Klein Mahner