Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Die Meinung, daß eine kirchliche Bußstrafe in eine Fegefeuerstrafe umgewandelt werden könne, ist ein Unkraut, das offenbar gesät worden ist, während die Bischöfe schliefen." (11. These)

Panorama

In der Vorbereitung auf das Lutherjubiläum im Jahre 2017 findet die sogeannte Lutherdekade statt. Jedes Jahr steht dabei unter einem anderen Thema. Das Jahr 2014 ist dem Thema "Reformation und Politik" gewidmet. Pfarrer Andreas Jensen schreibt dazu folgenden Artikel, der Einstieg in den Konvent "Reformation und Politik" am 20. Januar 2014 war.

Vielleicht ist es einigen bei der Themensetzung bereits aufgefallen. Wir geben uns bescheidener als das Jahresmotto der EKD und begnügen uns mit zwei Begriffen; also nicht "Reformation - Macht - Politik", sondern "Reformation & Politik". Bereits damit öffnet sich ein sehr weites Feld.

"Reformation & Politik", selbst das ist für eine einführende Skizze noch zu viel. Ich schneide den Zusammenhang noch enger zu. Ich möchte mit Ihnen und Euch auf die beiden institutionellen Gebilde schauen, die in unserer Kultur, gemeinsam das Verhältnis von Reformation und Politik verkörpern: Wir blicken auf Kirche und Staat und tun das aus reformatorischer Perspektive. Ich referiere damit nun kurz über die Auffassungen zweier prägender Grundgestalten unserer Reformation, es sind systematisch-theologische Skizzen zu Luthers und Calvins Lehren von Staat. Bei beiden gelingt dieser Blick nicht, wenn wir nicht zugleich auch darauf blicken, was Kirche ist.

Beginnen wir bei Luther1.
Eins vorweg. Für Luther und die anderen Reformatoren gab es keine wirkliche Größe namens Staat - der Staatsbegriff ist viel jünger - er sprach von der Obrigkeit. Die regierte und nicht eine Organisation namens Staat. Kann man bei einer Organisation fragen, ob sie sich demokratischer Praxis verdankt oder diese verkörpert, läuft das bei Luther ins Leere, sein Begriff von Obrigkeit umfasst keine Konstitutionsprinzipien.

Nun kann man sagen: Luthers Staatslehre war positivistisch, das heißt nichts anders als das der Staat einfach da ist, es gibt ihn. Warum und wie und wodurch? Die Vorsehung Gottes richtet das so ein, sie bringt mal den einen, mal den anderen an die Macht, das ist gegeben - es gibt kein vernünftiges Kriterium, an dem das gemessen werden kann. Luther war gänzlich antirevolutionär - weder Bezüge auf ein Naturrecht noch auf die Freiheit eines Staatsbürgers spielen bei ihm eine Rolle. Beides hätte sich ja gegen diese positive Setzung des Staates, wie er nun einmal so ist, in Stellung bringen lassen.

Die Obrigkeit, von Gott gegeben - wie konnte Luther dies und damit die Despoten seiner Zeit anerkennen und zugleich die Liebe als letztes Prinzip im Miteinander verstehen? Denn das tat er ja. Luther unterscheidet hier zwei Arten göttlichen Wirkens. Das eigene oder eigentliche Werk der Liebe, der Barmherzigkeit, der Gnade und das fremde Werk der Liebe, das mit Strafe, Drohung und Gewalt und so vielen anderen Härten arbeitet, wie es das Gesetz erfordert. Damit hat er die Möglichkeit, Macht und Liebe miteinander vereinbar zu halten. Wie geht das? Nun, die Staatsgewalt sichert unsere Existenz und schenkt einen Raum, Werke der Barmherzigkeit zu üben, daher ist sie ein Werk göttlicher Liebe. Der Staat zieht so gewissermaßen eine Grenze: Angriffe des Bösen sollen draußen bleiben. Kurz: Liebe könnte nicht als machtvolle Wirklichkeit in dieser Welt bestehen, wenn nicht das zerstört würde, was gegen die Liebe ist.

Ein Blick auf die Wirkung dieser Gedanken darf, denke ich, nicht fehlen. Es ist sicher falsch zu behaupten, Luther habe mit all dem den Nationalsozialismus veranlasst. Doch der Boden war bereitet durch diesen Positivismus, der verbat, die von Gott eingesetzte Obrigkeit zu beseitigen. In unserer Kultur herrscht eine tiefe Hemmung gegen jede Art der Revolution, ich denke das ist eine tiefe Spur Deutscher Mentalität. (cf. Jungluthertum…)

Blicken wir mit all dem im Rücken auf Johannes Calvin als zweiten Reformator. Ich möchte hier ansetzen bei seinem Bild von Kirche - schon allein um zu zeigen, dass beides korrespondieren muss und dass es letztlich egal ist, an welchem Zipfel wir die Decke hochnehmen um genauer hinzusehen, wie die Dinge zueinander stehen. (Keine Ekklesiologie, also keine Lehre von der Kirche kommt ohne eine diese begleitende Deutung Menschlichen Miteinanders aus, und zu dem zählt jedwede Institution - von der Familie bis zum Staat und darüber hinaus. Umgekehrt kann auch kein Begriff vom Staat für ein christliches Verständnis von Wirklichkeit ohne Rechenschaft darüber bestehen, was Kirche ist.)
Also Calvins Bild von Kirche. Wie bei Luther ist das der Ort, wo das Wort verkündigt und das Sakrament verwaltet wird. Aber Calvin unterscheidet viel stärker zwischen unsichtbarer und sichtbarer Kirche. Ist bei Luther die unsichtbare Kirche die Qualität der sichtbaren, ihr geistgewirkter Gehalt, tritt das bei Calvin auseinander. Unsichtbare Kirche ist für ihn die Schar der Erwählten aus allen Zeiten der Geschichte, und sie hängt nicht notwendig am Predigen des Wortes Gottes. Der Heilige Geist weht wo er will, er wirkt unabhängig - auch unabhängig von der christlichen Botschaft.
Sichtbare Kirche wird folglich zur Notlösung, um zu erziehen, um die Menschen zur Schar der Erwählten, d.h. zur unsichtbaren Kirche zu führen. Und sie ist wohl für die meisten Menschen der einzige Weg, Gott zu finden, findet der Genfer Reformator. Luther kennt zwei Funktionen von Kirche: Lehre und Sakrament, Calvin drei: Lehre, Sakrament und Zucht. (, und letztere ist entscheidend. »Wie also die heilbringende Lehre Christi die Seele der Kirche ist, so steht die Zucht in der Kirche an der Stelle der Sehnen. Sie bewirkt, dass die Glieder des Leibes, jedes an seinem Platz, miteinander verbunden leben.« (Inst. IV 12,1)) Doch diese dritte Funktion hat ihre Grenze: Selbst wenn ich aus der Kirche geworfen werde, bin ich erlöst, wenn ich zu den Erwählten Gottes gehöre und somit zur unsichtbaren Kirche. Kurz. Calvin: Die sichtbare Kirche ist eine Notlösung und ein Hinweis und wie wir gleich sehen die Regierung übrigens auch. Luther: Staat, bzw. Regierungen sind Notlösungen.

Das alles hat nun Pointen für den Begriff von Kirchenpolitik und von Politik. Luther sah die Funktion des Staates darin, das Böse in Zaum zu halten und die Gesellschaft vor dem Chaos zu bewahren, Calvin räumte diesem mehr Rechte ein; er kannte wie andere Humanisten auch die Idee einer guten Regierung - nicht nur zur Unterdrückung von Sünde, sondern auch zur Hilfe für die Bürgerinnen und Bürger. Wohl gemerkt eine Hilfe. Nie kann für Calvin der Staat zum Reich Gottes werden, die Kirche, die wir sehen, ebenso wenig. Helfend erziehend sind sie eng verwandt, so dass sie ununterscheidbar werden können, wenn die Evangelischen Gesetze auf den politischen Bereich angewendet werden.

Diese calvinschen Staatsideen können wir schrill finden. Doch auch sie wirken bis heute. Sie bewahrten wirkungsgeschichtlich den Protestantismus vor seiner Vernichtung. Wenn es nämlich eine dem Reich Gottes gemäße, ordnende und gute Regierung geben kann, dann lassen sich politische Bündnisse eingehen, weil die Guten sich gegen die Schlechten verbünden müssen. Die Evangelischen wurden eine bedeutende internationale Macht.

Eine letzte wirkungsgeschichtliche Pointe möchte ich setzen. Im Grunde war auch Calvin antirevolutionär, allerdings mit einer Ausnahme ein bisschen von ihr findet sich übrigens auch in unserer Confessio Augustana. Calvin kennt das Naturrecht. Verstößt ein Herrscher dagegen, haben die unteren politischen Amtsträger die Pflicht, sich dagegen aufzulehnen und die Zucht quasi nach oben anwendeten. In Westeuropa standen die Könige meist ja auf der Seite des Katholizismus, und die Evangelische Bewegung konnte nur durch Menschen gerettet werden, die davon überzeugt waren, dass sie im Namen Gottes gegen Herrscher kämpfen dürfen, die das wahre, reine Evangelium der Reformation unterdrückten.

So weit einige Schlaglichter zu Kirche und Staat.

Pfarrer Andreas Jensen, Goslar

1 Die nun folgenden Charakterisierungen verdanken sich grundlegend: Tillich, P., A History of Christian Thought, ed. by C. F. Braaten, New York, 1967, S. 251-256, 272-274; dt.: Ders., Ges. W., Erg. Bd 1., Stuttgart, 1971, 267-269, 285-287.