Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Der Papst will und kann keine Strafen erlassen, außer solchen, die er auf Grund seiner eigenen Entscheidung oder der der kirchlichen Satzungen auferlegt hat." (5. These)

 

Performance-Künstler Helge Leiberg und Musiker Wolfgang Knuth im Dialog

Es ist ein besonderes Kulturereignis, diese experimentelle Begegnung zweier Künste: Musik und Kunst treffen sich in einer spannungsvollen Performance, vom Förderverein der Marktkirche e.V. veranstaltet, und zieht das Publikum in ihren Bann.

Der Goslarer Komponist Wolfgang Knuth auf der Westseite an der Marktkirchenorgel und der international bekannte Performance-Künstler Helge Leiberg aus Berlin an zwei Overhead-Projektoren in der Vierung. Er lässt, inspiriert von den Orgeltönen, mit Feder und Pinsel für Momente Bilder entstehen, die im nächsten Augenblick vergehen - wie der Wandel im Leben.

Schöpferische Begegnung zwischen Kunst und Orgel

Rund 150 Besucherinnen und Besucher im Mittelschiff der Marktkirche sind das dritte Element in diesem Event; die Augen in konzentrierter Aufmerksamkeit auf die 3 x 5 Meter große Leinwand gerichtet, die Ohren den improvisierten klanglichen Impulsen weit geöffnet, die Wolfgang Knuth mit Freude an ungewöhnlichen, überraschenden und vielfältigen Tönen füllt.

Den ersten klanglichen Inputs folgen mit minimaler Zeitverzögerung erste Pinselstriche auf der Overhead-Folie eines Projektors, gleichzeitig sichtbar auf der Leinwand: die von den Orgel-Klängen inspirierten Bildanfänge lassen Formen, Farben und Figuren auf der Leinwand entstehen, die wiederum Inspiration für Knuth an der Orgel sind, ein wechselseitiger Dialog, ein Spiel der beiden Künste, einander befruchtend in ihrer Begegnung und Verschmelzung.

Wie dieser Prozess weitergeht und was im Verlauf von 50 Minuten dabei herauskommt, ist offen. Die beiden Künstler hatten vor dem Konzert nur kurz Gelegenheit sich zu sehen und kennenzulernen. Das Experiment, in dem sich vor den Augen und in den Ohren der konzentrierten Besucher höchste Kunst und geniale Musikalität entfalten, gelingt.

Gesichter erscheinen, immer wieder Hände, die Kontakt aufnehmen, sich im Tanz begegnen, auch die beiden Pinsel vollführen einen Tanz oder ist es ein Kampf? Sie wirbeln mit- und umeinander herum, dabei formen ihre Spuren neue Bilder, Zeichen, Symbole, löschen alte aus oder verändern sie.

Schöpferische Begegnung zwischen Kunst und Orgel

Für Augenblicke erscheint ein klares Bild, links ein Gesicht, in der Mitte ein Vogel und rechts eine Frauenfigur, blitzschnell assoziieren wir eine Verbindung, bevor die nächsten Pinselwischer und Federstriche aus dem Status quo einen Umbruch und dann Neues entstehen lassen. Bildelemente erinnern an biologische Prozesse, Blasen, zellartige Gebilde, Zweige, archetypische Figuren verändern ihre Formen, vernetzen menschliche, tierische und pflanzliche Formen. Es entsteht ein für diesem Augenblick neues Bild: links eine männliche Figur, rechts eine Frau, eine Verbindungslinie zwischen beiden Seiten führt in der Mitte zusammen, ein Akt der Liebe, der Schöpfung, der „dritte Takt“: die Vereinigung der beiden Pole, Neues keimt und wächst.

In den Köpfen, Herzen und Sonnengeflechten der Gäste macht sich ein belebender Mix aus Klängen und Bildern breit: Augen und Ohren werden gefüttert mit Reizen, ein inneres Bild-Klang-Erlebnis erwacht. Es nimmt Gestalt an, verändert und erneuert sich und vergeht. Der Zauber des Anfangs weicht der vollen Entfaltung, die dann vergeht und für Neues Platz macht.

Nicht nur auf der Leinwand passiert Sichtbares, Bilderketten und Geschichten, vom Maler und Zeichner Leiberg erzählt. Auch als Besucher möchte ich mitmachen, habe mindestens eine Idee, das vom Künstler begonnene Bild selbst weiter zu zeichnen, meine eigene Geschichte zu komponieren oder wünsche mir einen bestimmten Klang oder Rhythmus zu dem aktuellen Bild.  Subjektiv-persönliche Bilder, nicht nur auf der Leinwand sondern auch und anders in mir und in den mehr als hundert Köpfen, Herzen und Körpern, Gemeinschaftserlebnis und individuelles Kopf-Kino zugleich.

Linien formen eine Schnecke, Kreise, die zu Augen werden und Augen wiederum zu Flügeln, Flügel eine Adlers oder eine Schmetterlings? Hier kann der Betrachter / die Betrachterin dem Maler vorauseilen.

Über unseren Köpfen hinweg tauschen sich die beiden Künstler sich in ihren Kunst-Sprachen aus, senden Bild- und Klangimpulse hin und her, inspirieren einander spontan: eine orgelbegleitete Bildfolge wie Ende Januar in der Marktkirche, als die Organistin Christine Michel-Ostertun zu dem Stummfilm „The Kid“ von Charlie Chaplin so wunderbar improvisierte. Mit dem markanten Unterschied, dass sie sich von den Bildern des Filmes inspirieren ließ, nicht aber das Bild, die Bildfolge, die Handlung des Filmes beeinflussen konnte wie es in dieser Performance von Leiberg und Knuth geschieht, Kontakt und Inspiration beid- und wechselseitig. Der experimentierfreudige Knuth an der Orgel greift mit seinen Tonfolgen als Maler und Zeichner ein, indem er die Hand des bildenden Künstlers Leiberg klanglich führt und dieser wiederum bedient mit seinen Pinsel- und Federstrichen die Orgel, sitzt mit dem Organisten am Pult, zieht die Register, gestaltet Rhythmus, Dynamik Lautstärke und Klangfülle mit.

Auch in der Jazzimprovisation beeinflussen, inspirieren sich die Musiker gegenseitig, der eine gibt das Thema vor, die andere interpretiert, variiert es und umgekehrt. In der Performance von Leiberg und Knuth sind es zwei Künste mit ihren künstlerischen Mitteln, Werkzeugen und Möglichkeiten, die unser sinnliches Erleben vertiefen und erweitern. Wahrnehmungsgrenzen werden durchlässig, neue Freiheitsräume entwickeln sich in der Verbindung von Hören, Sehen und Fühlen: erkenntnisreich und sinnstiftend.

Es ist anregend, aufregend, faszinierend, diesem bildliche Werden, Dasein und Vergehen, diese Wandlungen beizuwohnen, diesem Kommen und Gehen, typisch für jedes Leben, auch des Menschen - währenddessen die tosenden, dynamischen oder leisen Klänge im Ohr, erzeugt von der Orgel, aber auch Vogelstimmen, Vogelgezwitscher, vom Musiker Knuth von CD oder anderen Quellen - als Ergänzung zur Orgel - eingespielt.

Schöpferische Begegnung zwischen Kunst und Orgel

Gefühle schwingen mit, düstere Stimmungen und helle, fröhliche, frohlockende Szenen werden sichtbar. Der fesselnde und integrierende Spannungsbogen mündet Ende in ein Bild, das je nach Interpretation unterschiedlich interpretiert werden kann. Es zeigt einen Mann, Arme und Beine diagonal gestreckt, in die vier Ecken eines quadratischen Rahmens gespannt, darüber ein zweiter Rahmen mit den Spitzen in alle vier Richtungen weisend: Christus am Kreuz, Leonardo da Vincis Mann im Kreis oder eine Anspielung auf das sich ankündigende Ende der Herrschaft des Mannes, der Dominanz männlichen Denkens und Handels?

Ein Schlussbild, tief beeindruckend wie das Gesamtkunstwerk dieses Events in der Marktkirche; kurze und spürbare Ruhe - dann Beifall, die Gäste sind begeistert, berührt, bewegt und nachsinnend: reichlich Gesprächsstoff. Die Reaktionen sind vielfältig und zollen höchste Anerkennung.

Ein kulturelles Glanzlicht in der Marktkirche ist zu Ende, die Projektoren werden abgeschaltet, die Bilder verlöschen, die Töne verklingen. Ihre Wirkung klingt nach, unverbrüchlich: „Freiheitsraum Kirche“?!

Dierk Landwehr