Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Man soll die Christen ermutigen, daß sie ihrem Haupt Christus durch Strafen, Tod und Hölle nachzufolgen trachten" (94. These)

Als meine Kinder noch etwas jünger waren, nahm ich sie morgens oft im Auto mit und setzte sie an der Schule ab. Unterwegs übernahmen sie dann die Hoheit über das Autoradio. Oft stellten sie einen Sender ein, der sich ein besonderes Spiel für seine Hörer und Hörerinnen ausgedacht hatte. „Wir zahlen deine Sünden“. Das Spiel ging so: Man rief bei dem Sender an und erzählte eine Geschichte, die für den Anrufer teuer geworden war. Jemand hatte eine Auto von einem Freund geliehen und eine Beule hinein gefahren. Einer hatte ein Strafmandat bekommen für viel zu schnelles Fahren. Eine Frau hatte sich irgendetwas im Internet bestellt und kam nun nicht aus den Zahlungsverpflichtungen heraus. Und wieder jemand anderes hatte zu viel getrunken und dann mit der Zigarette ein Loch in das Sofa von Freunden gebrannt. Wer ausgewählt worden war vom Sender mit seiner Geschichte, musste erst öffentlich „beichten“ und bekam dann die Kosten seines Fehltritts ersetzt: Wir zahlen deine Sünden! Meistens bestätigte der Moderator den Sündern und Sünderinnen, was für lebenslustige Leute sie doch seien. Gemeinsames Lachen. Dann Musik.

Für die Sünden bezahlen? Das hatten wir doch schon mal! Im 16. Jahrhundert zogen sogenannte „Ablassprediger“ umher und riefen aus, dass jedermann und jede Frau die Strafen für ihre Sünden loswerden könnten. Gegen Geld. Dafür gab es einen Ablassbrief. Nur nahmen die Leute die Sache damals viel ernster als heute. Man hatte Angst davor, nach dem irdischen Leben ins Fegefeuer zu kommen und furchtbare Qualen zu erleiden. Die Angst zog den Leuten das Geld aus der Tasche. Mich erstaunt, wie wenig sich doch geändert hat: Heute besteht allerdings die größte Qual scheinbar darin, Geld zahlen zu müssen. Geld verspielt im Kasino oder aus Wut der Freundin das Auto zerkratzt? – Wir zahlen Deine Sünden. Ich frage mich aber: Was bedeutet es für den, der anruft, der seine Geschichte erzählt, was kann er oder sie lernen oder ändern?

Martin Luther hat den Ablasspredigern entgegen gehalten: Es geht nicht um Geld. Geld kann uns nicht von Sünden reinwaschen. Denkt lieber darüber nach, welche negativen Folgen euer Tun hat. Luther wollte, dass nicht Angst vor Strafen, sondern die Sorge für ein gutes Miteinander uns bewegt. „Reue“ nannte er das. In heutiger Zeit ein seltsam altmodisch klingendes Wort. Die Reue sollte Menschen nicht niederdrücken. Sondern sie verändern.

Die Strafzettel von anderen zu bezahlen - das ändert sie ganz bestimmt nicht.