Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Wer weiß denn, ob alle Seelen im Fegefeuer losgekauft werden wollen, wie es beispielsweise beim heiligen Severin und Paschalis nicht der Fall gewesen sein soll." (29. These)

„Am Ende will ich, dass alles gut ist.“ Diesen Satz  las ich in einer Zeitschrift. Eine Anzeige von Bestattungsunternehmern. „Am Ende will ich, dass alles gut ist.“ Ja, wer will das nicht, dachte ich. Ich las genauer: Man solle rechtzeitig einen Vertrag abschließen mit einem Beerdigungsunternehmen; regelmäßig einzahlen, dann würde sich der Bestatter beizeiten um alles kümmern: um den Nachlass, Behördengänge, offene Rechnungen begleichen, Grabpflege regeln.

Als Pfarrer weiß ich aus manchem Gespräch, dass vielen Menschen genau das wichtig ist. Der Acker soll bestellt sein, sozusagen, als wolle man der Nachwelt keine Unruhe machen.

„Am Ende will ich, dass alles gut ist.“ Aber ist alles gut, wenn das Testament geschrieben, der Grabstein gekauft, der Friedhofsgärtner beauftragt ist?
Es kann nie alles gut sein. Dieser Meinung war Martin Luther. Weil wir nicht so gestrickt sind. Als junger Mönch plagte er sich mit dieser Einsicht. Wie soll ich das hinbekommen, dass ich mit meinem Leben ganz und gar im Frieden bin? Und wie soll ich es hinbekommen, dass Gott sagt: „Es ist alles gut.“? Luther war da sicher besonders empfindsam. Und doch ertappe auch ich mich manchmal dabei, dass ich einen Gedanken denke, ein Gefühl in mir trage, wovon ich anderen lieber nicht erzähle. Dann spüre ich: Das ist jetzt nicht gut. Und je länger ich lebe, desto mehr häufen sich Erinnerungen an etwas, was nicht wirklich gut war und manchmal auch nicht wieder gut wurde. Vielen geht das so, denke ich. Da ist der Streit, der nie beigelegt wurde; das Gefühl, nicht das getan zu haben, wofür man einmal glaubte, bestimmt zu sein; dass nicht genügend Zeit für die Kinder da war, als sie es brauchten; oder die zerbrochene Ehe und Gefühl, schuldig zu sein, mindestens mitschuldig; die Sache mit dem Unfall damals, wo jemand zu Schaden kam. Wir alle haben da unsere eigenen Erinnerungen.

Kann es das geben, dass am Ende alles gut ist?
Martin Luther war sich sicher, dass seine eigenen Bemühungen ihn nie dahin führen würden. Wir können uns nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Das Leben ist vermischt: Manches gelingt, anderes nicht. Manches wird wieder gut, manchmal heilen die Wunden nicht. Aber da ist einer, der schaut nicht mit streng prüfenden Augen auf uns, so wie wir selbst es oft tun, sondern mit liebenden Augen: Gott. Er sagt nicht: „Bei dir ist alles gut.“ Denn das stimmt so nicht. Aber er sagt: „Lass mal gut sein.“ Trotz allem: „Lass mal gut sein.“ Und das schenkt den Frieden, den wir brauchen.