Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Oder: Was ist das für eine neue Frömmigkeit vor Gott und dem Papst, daß sie einem Gottlosen und Feinde erlauben, für sein Geld eine fromme und von Gott geliebte Seele loszukaufen; doch um der eigenen Not dieser frommen und geliebten Seele willen erlösen sie diese nicht aus freigeschenkter Liebe?" (84. These)

Wer war dieser Mann? Er hat sich mit den Mächtigen seiner Zeit angelegt. Er stand für seine Überzeugung ein, obwohl es ihn unter Umständen das Leben kosten konnte. Er hat das Gesicht Europas verändert - durch die Kraft seiner Worte. Er hat unsere Sprache maßgeblich mitgeprägt. Und er hat eine geistliche Erneuerung bewirkt.

Er hat aber auch wüste Beschimpfungen ausgestoßen gegenüber den Juden. Er trug Mitschuld daran, dass Bauern niedergemetzelt wurden, die seine Worte von der Freiheit missverstanden hatten. Seine Toleranz gegenüber Andersdenkenden war nicht besonders ausgeprägt. Und er hat – freilich ungewollt – eine Spaltung der Kirche herbeigeführt.

Klar: Die Rede ist von Martin Luther: den einen ein Held, den anderen gerade das Gegenteil. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Bei ihm mischen sich Licht und Schatten.

Ich bin evangelisch-lutherisch. Mich fasziniert an Martin Luther sein Mut. Woher bekommt einer eine solche innere Unabhängigkeit, sich auch starkem Druck nicht zu beugen?  Luther wird im Jahre 1521 vor den Reichstag in Worms zitiert. Er steht Rede und Antwort vor dem Kaiser, den Abgesandten des Papstes und den Fürsten. Sie fordern: Er solle widerrufen. Er wusste, wenn er es nicht täte, könnte das seinen Tod bedeuten. Einen Tag hat er Bedenkzeit. Dann aber lehnte er ab: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ So erinnerte man sich später an seine Antwort und an seine Gewissensentscheidung: Ich kann nichts und niemandem gehorsam sein als allein meinem Gewissen! Kein anderer Mensch kann mich zu etwas zwingen, was mir im Innersten widerstrebt!

Heute mag uns eine solche Haltung vertraut und beinahe selbstverständlich klingen. Damals war sie neu und unerhört. Noch dazu, wenn ein einfacher Mönch sich Papst und Kaiser widersetzte.  Das heißt doch: Wenn sich heute jemand an seinem Arbeitsplatz oder in der Politik, ja sogar beim Militär auf seine Gewissen beruft, dann trägt er ein kleines bisschen Martin Luther in sich: Ich bin frei und niemandem untertan; nur meinem Gewissen verpflichtet!

Ein Gewissen hat jeder Mensch. Aber es ist zunächst wie ein leeres Gefäß. Es kommt darauf an, wie es gefüllt ist. Martin Luther hat sein Gewissen mit Gottes Wort gefüllt, und sich an die Bibel gehalten. Luther wusste, dass ihm in seinem Gewissen Gott begegnet. Das erst hat ihn so stark und innerlich frei gemacht.