Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Man soll die Christen lehren: Der Papst wäre, wie es seine Pflicht ist, bereit - wenn nötig -, die Peterskirche zu verkaufen, um von seinem Gelde einem großen Teil jener zu geben, denen gewisse Ablaßprediger das Geld aus der Tasche holen." (51. These)

Es soll einmal ein Hahn gewesen sein, der – wie wohl alle Hähne – an jedem  Morgen eifrig krähte. Immer wieder überrascht stellte er fest: Wenig später ging stets die Sonne auf! Da glaubte der Hahn, er bewirke den Sonnenaufgang durch sein Krähen. „Bitte schön, meine Lieben“, sagte er dann und stolzierte unter den Hennen umher...

Eines trüben Morgens, nachdem die Sonne nur mühsam hinter dicken Wolken hervorlugte, hatte er sich aber beim Krähen so verausgabt, dass er heiser wurde. Schließlich brachte er keinen Mucks mehr heraus. Oje, morgen würde die Sonne nicht aufgehen; kein neuer Tag würde beginnen! Ängstlich durchwachte der Hahn die Nacht. Noch vor Sonnenaufgang schaute er voller Furcht in Richtung Osten –  doch seltsam: Ein erster Lichtstreif zeigte sich am Horizont. Und wenig später ging die Sonne in all ihrer Pracht auf! Eigentlich sollte der Hahn erleichtert sein, aber er war zutiefst gekränkt. Wozu bin ich dann da?, fragte sich der Hahn und verkroch sich im hintersten Winkel des Hühnerhofs. Wer wird mich jetzt noch bewundern und verehren?

Diese Geschichte hat Martin Junge erzählt, der Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds, als er bei uns in Goslar zu Besuch war. Seine Aufgabe: Schülern und Schülerinnen zu erklären, was im Zentrum des Denkens von Martin Luther stand.  Und genau so hat Luther gedacht: So sind wir Menschen! Wir tun so als drehe sich die Welt um uns, als hätten wir alles im Griff. Zwar geht die Sonne ohne uns auf, doch was wäre ein Tag ohne unseren Beitrag? So versuchen wir, in der Welt Anerkennung zu gewinnen – durch unsere eigene Leistung. Martin Luther hat das anders gelehrt: Du kannst Dir Gottes Liebe nicht verdienen durch gute Taten oder kluge Gedanken. Gott schenkt Dir das Leben, den Glauben, die Liebe – und den Sonnenaufgang gleich gratis dazu. Umsonst und unverdient. Wo Gottes Liebe ist, muss sich niemand beweisen.  Und niemand muss sich vor ihm verteidigen, weil ihm etwas nicht gelingt.

Die Geschichte geht übrigens noch etwas weiter:
Den gekränkten Hahn entdeckte eine Henne, die ihn gerne mochte und sie sagte ihm: „Geh Du nur morgen wie gewöhnlich hinaus. Aber krähe nicht, um die Sonne aufgehen zu lassen. Krähe, weil sie aufgeht!“  Das tat der Hahn seitdem. Und sein Krähen klang fortan entspannter und – ja! – dankbarer!