Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Vielmehr erläßt er den Seelen im Fegefeuer keine einzige Strafe, die sie nach den kirchlichen Satzungen in diesem Leben hätten abbüßen müssen." (22. These)

Die Jakobikirche in Goslar. Menschen haben sich vor ihrer Tür versammelt. Einige von ihnen sind an ihrer Kleidung als Geistliche erkennbar. Die verschiedenen Hautfarben zeigen, dass sie aus aller Welt gekommen sind. Sie sind Gäste der hiesigen evangelisch-lutherischen Kirche. Die Einladung hängt mit dem Reformationsjubiläum zusammen. Die evangelische Kirche wird 500 Jahre alt. Erst 2017 ist es wirklich so weit, aber schon jetzt gibt es vorbereitende Treffen wie dieses. Heute steht ein Rundgang durch die alte Kaiserstadt Goslar auf dem Programm. An Orten, an denen damals die Reformation begann, wird jeweils Halt gemacht. Hier, in der St. Jakobi-Kirche, wurde schon sehr früh im evangelischen Geist gepredigt. Heute ist die Kirche aber wieder katholisch. Und so begrüßt der katholische Pfarrer die versammelte Schar.

Nach dem Pfarrer sind Schülerinnen und Schüler dran. Sie spielen eine kleine Szene. Mit sparsamen Mitteln inszenieren sie eine Hochzeit. Wahrscheinlich also eine ökumenische Hochzeit - gar nicht so leicht, wenn er evangelisch und sie katholisch ist. Aber es kommt anders. Die Schülerinnen und Schüler zeigen ein anderes Problem auf: Die Braut ist Muslimin. Wie sieht eine religiöse Feier anlässlich einer Trauung aus, wenn ein Partner christlich, der andere muslimisch ist? Wie geht das? Geht das überhaupt?

Im ersten Moment bin ich irritiert: Der Kontakt zwischen Christen und Muslimen ist doch ein anderes Thema als der Dialog zwischen Katholiken und Protestanten. Aber dann wird mir klar: Die Schüler und Schülerinnen haben ja recht. Wenn die evangelische Kirche ihren 500. Geburtstag feiern will, dann gehört das Thema unbedingt auf die Tagesordnung.

Denn die Welt hat sich weitergedreht, die Fragen sind heute andere als noch vor 500 Jahren.  Das Problem, das die jungen Menschen da spielen, ist zu klären: Wie können Angehörige ganz unterschiedlicher Religionen gedeihlich und in Frieden miteinander leben? Die Geburtstagsfeier der evangelischen Kirche vorzubereiten heißt auch, sich zu fragen, wie der eigene Glaube das friedliche Miteinander mit Menschen anderen Glaubens befördern kann. Da haben die Schüler und Schülerinnen genau das richtige Gespür.

Wir machen uns auf den Weg zur nächsten Station  und ich denke: Ja! Christen und Muslime berufen sich, wie auch die Juden, auf einen Stammvater: Abraham. Wenn man so will, haben wir also einen gemeinsamen Vorfahren. Da sollte doch mehr Miteinander möglich sein.