Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Der Papst kann eine Schuld nur dadurch erlassen, daß er sie als von Gott erlassen erklärt und bezeugt, natürlich kann er sie in den ihm vorbehaltenen Fällen erlassen; wollte man das geringachten, bliebe die Schuld ganz und gar bestehen." (6. These)

Liebe Gemeinde,

Ja, die Reformation hat sich weiter entwickelt, und ist mittlerweile zur Weltbürgerin geworden! Für diese Tatsachenbeschreibung steht der Lutherische Weltbund mit seinen 142 Mitgliedskirchen in 79 verschiedenen Ländern der Welt, die insgesamt mehr als 70 Millionen getaufte Christen zusammenbringen. Es stimmt, Sie finden heute lutherische Kirchen in Papua Neu Guinea, ebenso wie in Japan; sie werden sie in Äthiopien finden, sowie in Nigeria; in Bolivien und Honduras, in der Ukraine und Kasachstan.

Stellen sie sich die sprachlichen Barrieren vor, die kulturellen Unterschiede, die verschiedenen Frömmigkeitsstile. Stellen sie sich die unterschiedlichen existenziellen und gesellschaftlichen Fragen vor, auf die jede einzelne dieser Kirchen sich einlassen muss. Wie kommunizieren sie überhaupt untereinander? Und noch wichtiger: was hält diese Kirchen mit ihren gewaltigen Unterschieden zusammen? Ja, was hat es mit der lutherischen Reformation als Bindeglied dieser Kirchen überhaupt auf sich?

Lassen Sie mich mit einer kurzen Geschichte auf die Frage des Kerngehalts der Reformation antworten: es handelt sich um die Geschichte eines Hahns auf einer Hühnerfarm.

Jeden Morgen, wenn es noch sehr dunkel war, ging der Hahn hinaus, um zu krähen. Er tat dies mit erstaunlichem Engagement. Er krähte aus der Tiefe seines Herzens und unter Einsatz aller verfügbaren Mittel der Kunst. Er war davon überzeugt, dass die Sonne jeden Morgen wegen seines Krähens aufging. Wenn er seine tägliche Arbeit vollbracht hatte und zur Farm zurückging, blickte er mit einem Gefühl paternalistischen Stolzes um sich zu den Hennen. „Bitte schön, meine Lieben, wieder habe ich die Sonne für euch aufgehen lassen“, sagte er einmal sogar.

An einem Morgen war der Sonnenaufgang wirklich wunderbar. Der Hahn war so begeistert, dass er nicht mit dem Krähen aufhören konnte. Die Sonne war schon lange aufgegangen, doch er krähte weiter und wollte einfach die ganze Szene noch vollkommener machen.

Als er zur Hühnerfarm zurückkam, stellte er fest, dass er zu lange gekräht hatte. Seine Kehle schmerzte. Er konnte nur noch ein schwaches krächzendes Geräusch hervorbringen. Der Hahn geriet in Panik. Was wird morgen geschehen, wenn ich nicht mehr krähen kann? Was wird mit der Hühnerfarm und mit all diesen Hühnern und Hennen geschehen, die so sehr von meiner Macht abhängig sind, dass ich die Sonne aufgehen lasse…? Er ging sehr früh schlafen in der Hoffnung, dass er am nächsten Morgen wieder bei guter Gesundheit sein würde.

Aber er war es nicht! Über Nacht war der Schmerz schlimmer geworden und er konnte nicht einmal mehr krächzen, sondern nur ein lächerlich schwaches Quietschen hervorbringen. Doch er ging hinaus, wie jeden Morgen, angetrieben von der panischen Angst, dass sonst die Sonne nicht aufgehen würde. Er strengte sich an, und doch kam kein Krähen aus seiner Kehle.

Gross war seine Überraschung, als er feststellte, dass die Sonne trotzdem aufzugehen schien! Ganz langsam, aber sicher kam sie wie jeden Morgen hinter den Hügeln hervor – ganz ohne sein Zutun! Und als er sich umdrehte und zur Hühnerfarm blickte sah er: Auch die Hühner und Hennen waren wie jeden Morgen herausgekommen!

Der Hahn war schrecklich niedergeschlagen. Hatte er nicht seine Rolle und seine Daseinsberechtigung verloren? Warum sollte er überhaupt noch krähen, wenn die Sonne auch ohne seine Hilfe aufging? Er wagte nicht einmal, den Hennen in die Augen zu sehen. „Du kannst ruhig weiter krähen“, sagte eine der Hennen. „Geh morgen wie gewöhnlich hinaus. Aber krähe nicht, um die Sonne aufgehen zu lassen. Krähe einfach, weil die Sonne aufgeht!“

Das ist es! Genau darum ging es, und geht es: um ein Leben, das weiß, dass es letztlich geschenkt ist, und sich nicht sich selbst verdankt. Es geht um ein Leben, dass sich vom Zwang des ewigen Leisten-Müssens zu schützen weiss. Es geht um ein Zusammenleben, in dem Vertrauen, Vergebung und Gnade ihren Raum haben. Es geht darum nicht weiterhin mit dem doch immer wieder krächzenden, hilflosen Tönen doch noch wohlgesonnene Stimmung um sich herum zu erzeugen, sondern um aus der Gewissheit einer unendlichen, geschenkten Freiheit einen freudigen, dankbaren Lobgesang anzustimmen. Darum ging es damals, dies ist die Perspektive, die die lutherische Reformation in den Evangelien freigelegt hat: Gott schenkt uns Dinge, die nicht käuflich sind; Gott schenkt uns Dinge, die dem Zugriff Anderer vorenthalten sind. Gott will nicht, dass sich Menschen auf blutigen Knien ihre Lebensräume – Jenseits und Diesseits – verdienen müssen; Gott will Menschen im aufrechten Gang, die aus ihrer unverhofften, sicherlich auch immer wieder unverdienten Freiheit ihr Leben versuchen wollen... und können.

Wie nun hört sich der Lobgesang an, den lutherische Kirchen weltweit in ihrem gemeinsamen Zeugnis entwickelt haben, und an denen sie auch erkannt werden wollen?

Drei Worte sind dieser Weltbürgerin Reformation wichtig geworden: Gerechtigkeit, Friede und Versöhnung.

Denn diese neu geschenkte Freiheit führt nicht in Bindungslosigkeit und Verantwortungslosigkeit. Nein, sie bindet ein in den Gesang, den Gott in und mit seinem Sohn Jesus Christus in diese Welt hineinsingt, und in dem es gerade um diese Begriffe geht: um Gerechtigkeit, um Frieden, um Versöhnung. Für diese Begriffe steht der Stall von Bethlehem, dafür steht das Kreuz auf Golgatha – und in diesen Gesang will lutherische Reformation als Weltbürgerin mit einstimmen.

Darum, liebe Gemeinde, stimmt ihre Landeskirche in Braunschweig, zusammen mit 141 anderen Kirchen weltweit in den Gesang der Nächstenliebe ein. Im letzten Jahr haben wir zusammen 1,5 Millionen Flüchtlinge betreut, in Kenia, in Jordanien in Süd Sudan. Wir werden dabei getragen von der Einsicht, dass unser Lobgesang nicht mit dem Rücken zur Welt, sondern in der Zuwendung zu denen zu erfolgen hat, die unter Verfolgung, Gewalt und Hunger leiden.

Darum stimmt ihre Landeskirche in Braunschweig, zusammen mit 141 anderen Kirchen weltweit in den Gesang des ökumenischen Gesprächs ein. Wir sind dankbar, dass wir mit dem Vatikan eine gemeinsame Herangehensweise an das Reformationsjubiläum entwickeln konnten. Wir werden dabei getragen von der Einsicht, dass unser Lobgesang auf Versöhnung hinwirken muss, gerade auch unter den Kirchen, niemals auf weitere Trennung und Spaltung. Das Versöhnungswerk Gottes braucht miteinander versöhnte Kirchen!

Darum stimmt ihre Landeskirche in Braunschweig, zusammen mit 141 anderen Kirchen, ein in den weltweiten Gesang der interreligiösen Verständigung, besonders dort, wo sich Konflikte zu mehren scheinen. Wir werden dabei getragen von der Einsicht, dass Religionen niemals zu Stolpersteinen werden dürfen für Gemeinschaften und Gesellschaften, die nach Gerechtigkeit und Frieden streben, sondern zu Brückenpfeilern für Verständigung und Zusammenarbeit.

Darum, liebe Gemeinde, stimmt ihre Landeskirche in Braunschweig, zusammen mit 141 anderen Kirchen in den weltweiten Gesang der fürsorgenden Begleitung untereinander ein, in der Kirchen sich beraten, ermahnen, trösten und ermutigen, so dass sie ihre eigene Melodie in diesem Lobgesang weitersingen, und damit das Grundmotiv von Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung in unserer Welt weiter anklingen zu lassen.

Ja, und darum ist Reformation eine Weltbürgerin. Nicht nur, weil sie sich weltweit niedergelassen hat. Auch, weil sie sich weltweit aufgemacht hat um ihre Stimme einzubringen, und damit Gottes Gesang erkennbar zu machen in einer Welt, die eben nicht allein durch Marktgesetze, von Konflikt und Fragmentierung geprägt, sondern –wenn es nach Gott geht -  durch Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung als lebenswerter Ort erhalten bleiben soll.

Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, Pfarrer Martin Junge

Ansprache vom Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, Pfarrer Martin Junge

Foto: Schüler Matthias Kagon