Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Nur mit Vorsicht darf der apostolische Ablaß gepredigt werden, damit das Volk nicht fälschlicherweise meint, er sei anderen guten Werken der Liebe vorzuziehen." (41. These)

Thomas Gunkel - Propst der ev.-luth. Propstei GoslarAm 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel. Die Thesen waren eine Initialzündung für einen geschichtlichen Prozess, der das Gesicht Europas verändert hat und später weltweite Auswirkungen zeigte: die Reformation.

Was ist heute geblieben von den Impulsen, die von der Reformation ausgingen? Sie hat die Kirche verändert. Aber welche Spuren hat sie hinterlassen in unserer Kultur, in der Politik, in unserem Denken?

Es lohnt, sich einmal zu fragen: Was ist evangelisch? Woran erkennt man das Protestantische, typisch Evangelische, in und vor allem außerhalb der Kirchen? Vorurteile sagen: Protestanten sind streng. Sie feiern und singen nicht wie die dem Karneval zugeneigten Katholiken. Gutes Essen und Trinken gibt es auch eher in den katholischen Bundesländern. Stattdessen ist den Protestanten die Arbeit wichtig und sie sind meist ernst. Entsprechend spottet der Kabarettist Jürgen Becker in einem Lied: „Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin.“ Das ist augenzwinkernd gemeint. Dennoch: Ist etwas dran an solchen Vorurteilen?

Wer sich auf Spurensuche begibt, entdeckt bald eine mögliche Wurzel für protestantischen Ernst, nämlich die Hochschätzung des Gewissens.  In seinem Gewissen erscheine dem Menschen Gott, so Luther. Und deshalb sei er niemandem Rechenschaft schuldig als allein Gott und seinem eigenen Gewissen. Evangelisch sein hat also etwas mit moralischem Ernst zu tun, aber auch mit der Weigerung, sich fremden Autoritäten zu unterwerfen.

In dem Gedanken, dass ein Mensch nur Gott und seinem Gewissen verantwortlich sei, steckt viel:

  • die Ablehnung von Hierarchien und die Auflehnung gegen Bevormundung
  • eine gewisse Demokratisierung, weil das Recht, sich auf sein Gewissen zu berufen, allen Menschen gleichermaßen eignet
  • der Keim zur Freiheit, also eigenverantwortlich Ja oder Nein zu sagen, und zur Fähigkeit, aus freien Stücken für etwas Verantwortung zu übernehmen.

In all dem liegt ein gutes Stück der Aktualität und Modernität der Reformation.

Es lohnt sich also, auf Spurensuche zu gehen. Sich mit der Reformation und ihren Wirkungen auseinander zu setzen, kann ein Beitrag sein, die Gegenwart besser zu verstehen. Für Protestanten und Protestantinnen kann die Spurensuche dazu verhelfen, die eigene Identität zu schärfen.

Die Website www.luther2017-goslar.de der evangelisch-lutherischen Propstei Goslar zum Reformationsjubiläum lehnt sich an ihr deutschlandweites Vorbild an und möchte einen regionalen Beitrag zum Reformationsjubiläum leisten. Sie gibt Informationen dazu, was Reformation damals meinte und was sie heute bedeuten kann, weist auf Veranstaltungen zum Thema in Goslar und Umgebung hin, führt an historische Schauplätze in unserer Region, stellt interessante Bücher und Links vor und gibt auch Gelegenheit zum Mitmachen.

Ich wünsche Ihnen eine interessante und aufschlussreiche Spurensuche

Ihr
Thomas Gunkel
Propst der evangelisch-lutherischen Propstei Goslar